Bernhard Setzwein: Ein seltsames Land

19,80 EUR
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Bernhard Setzwein
Ein seltsames Land

Roman, Neuausgabe 2016, Klappenbroschur, 240 S., 19,80 Euro,
ISBN 978-3-941306-27-1


Lober, Staubsauger-Vertreter der Firma Nachschaff, bricht wieder auf zu seiner Tour, diesmal geht es in den hinteren Winkel der Republik, in den südöstlichen Zipfel Deutschlands. Bernhard Setzwein gelingt es, diese bayerische Provinz treffend, oft komisch und auch bitterbös zu porträtieren, eine herrliche Landschaft und einen gar nicht so idyllischen Bayerischen Wald von heute.



Lober, Staubsauger-Vertreter der Firma Nachschaff, bricht wieder auf zu seiner Tour, diesmal geht es in den hinteren Winkel der Republik, in den südöstlichen Zipfel Deutschlands. Es ist keine Tour, die viel Umsatz verspricht, aber dennoch kommt sie ihm nicht ungelegen, ja, er genießt sie manchmal sogar.

Bernhard Setzwein gelingt es, diese bayerische Provinz treffend, oft komisch und auch bitterbös zu porträtieren, eine herrliche Landschaft und einen gar nicht so idyllischen Bayerischen Wald von heute, wo an Stammtischen das Elend kleingeredet wird oder weggesoffen, wo das Alte und die Tradition mit der Gegenwart oft kuriose Symbiosen eingehen, wo sich jugendliche Briefbombenbauer am Schluss selbst in die Luft sprengen.

Lober, der gerne in Dorfgasthäusern isst und nächtigt, z.B. im „Gasthaus zum Ende der Welt“, kennt viele dieser Geschichten. Sie fangen an, ihn immer mehr zu faszinieren, viel zu lang bleibt er hocken, vergisst seinen Tourplan. Unbeabsichtigt und doch unaufhaltsam steigt Lober aus seinen Verpflichtungen aus, fühlt sich freier, „er wollte einmal einen ganzen Tag lang nur gehen“.
Im benachbarten Steinbruch lernt er die Bacherin, eine Steinbildhauerin, kennen und mit ihr geht es in einem uralten Benz über die Grenze, zunächst ins Böhmische, wo das Neue gerade seinen triumphalen Einzug hält, und dann immer noch weiter nach Osten..., ganz nach dem als Motto vorangestellten Stifter-Zitat: „Wir ahnen endlose Gebiete, dann blitzt es oft auf, als läge hinter denen erst noch recht ein seltsames Land.“


Bernhard Setzwein, 1960 in München geboren; seit 1985 freischaffender Autor (Romane, Theaterstücke, Lyrik, Reisebeschreibungen und Essays); Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk und bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Er lebt seit 1990 in Waldmünchen an der bayerisch-böhmischen Grenze.

Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für Literatur (1998), dem Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz in der Sparte Literatur (2003) und dem Kulturpreis Bayern der EON AG (2006). Sein Stück „Monolog eines Henkers“ wurde zu den 30. Bayerischen Theatertagen 2012 in Augsburg eingeladen.

Im lichtung verlag sind von Bernhard Setzwein unter anderem außerdem erschienen Der neue Ton (2012), Das blaue Tagwerk (2010), Heimat bitte lächeln (2004), Ein Fahneneid aufs Niemandsland (2001), Watten Wagner Wichs (1998) und Zucker (1997).

2

Noch unten in Passau beim Frühstück im Wilden Mann hatte Lober an sich selbst die Devise ausgegeben, heute beginnst du in Hauzenberg. Er wählte also den brutalst möglichen Einstieg. Das machte er aus sportiven Gründen. Denn ihm war klar: Neubaugebiet, das war die Härte, Neubaugebiet war eine echte Herausforderung, Neubaugebiet war im Grunde so etwas wie die Schlacht an der Somme. Grabenkrieg jedenfalls. Kaum einen Millimeter Landgewinn. Klarer Frontverlauf. Hier der Hausbesitzer, da der Außendienstmitarbeiter. Dazwischen die Demarkationslinie der Haustürschwelle. Da hätte eher die deutsche Armee die Linie bei Verdun überrannt, als daß ein Außendienstmitarbeiter – ganz egal welcher Firma – es geschafft hätte, diese Frontlinie zu überqueren. Neubaugebietsbewohner waren berüchtigt für ihren eisernen Verteidigungswillen. Die waren nicht auszuräuchern in ihren Stellungsgräben. Da konntest du Giftgaswolke um Giftgaswolke süßlichster Beschwörungsformeln hinüberschicken, die blieben standhaft. Standhaft mit den Händen auf den Hüften den Türrahmen versperrend. Die verteidigten ihre Haustürschwelle. Vor allem aber verteidigten sie ihr total überzogenes Haushaltsgeldkonto. Wir kaufen nichts!

Im Grunde wohnte nämlich in diesen herrlichen Villen das heulende Insolvenzunglück. Man hatte sich übernommen. Man eiferte dem Leben in den Städten nach, beziehungsweise es waren immer mehr Städter, die hierherzogen und das Leben aus den Vorortvillengegenden mitbrachten und zum Vorbild erhoben. Mittlerweile wirkte es gar nicht mehr deplaziert, sondern wie schon immer hierher gehörig. Man protzte jetzt, im einstigen Kleinhäuslerland, mit Villen, denen waren aus allen Dimensionen geratene Erker sowie von stehenden und hängenden Geranienwäldern völlig überwucherte Balkone angeklebt. Von außen sah alles nach Überfluß und maßloser Verschwendung aus, aber das war natürlich die reine Täuschung. Wie es innen aussah, wußten nur Außendienstmitarbeiter wie Lober. Außendienstmitarbeiter waren im Grunde Innenhineinschauer. Sie sahen – vielleicht als einzige – in dieses himmelschreiende Insolvenzunglück hinein, da genügte es, daß sich die Haustüre nur für einen kurzen Augenblick und nur einen Spaltbreit öffnete, sie sahen trotzdem alles. Diese verhärmten Mittdreißigerinnen, die man mit seinem Klingeln gerade vom Kochherd aufgescheucht hatte, wo sie die Reste vom Vortag aufwärmten, und die einen, ohne überhaupt zuzuhören, anherrschten: Wir kaufen nichts! Weil sie nämlich nichts mehr kaufen konnten. Weil sie sich komplett übernommen hatten mit ihren größenwahnsinnigen Neubaugebietsvillen. Immer mußten es Häuser in Parkhausgröße sein. Unter drei Stockwerken geht nichts. Zwölf Zimmer oder noch mehr für die obligate deutsche Vier-Kopf-Klein­familie. Acht Zimmer stehen dann zwar mehr oder weniger leer, aber erst einmal müssen es zwölf Zimmer sein. Schon in der Planungsphase verlangt die Gattin: Sechzehn Zimmer müssen es aber schon sein. Vier kann der alles noch einmal durchrechnende Bauherr und Ehegatte ihr gerade noch ausreden. Acht stehen dann trotzdem noch leer. Und drei Bäder muß das Haus haben. Zwei Gästetoiletten. Man hat zwar nie Gäste, weil man sich eine Einladung nicht mehr leisten kann, aber zwei Gästetoiletten. Und das wichtigste: nach außen hin immer alles proper. Im Vorgarten eine Ziehbrunnenattrappe, neben der Doppelgarage ein Leiterwagen, auch der mit Geranien geschmückt. Lober fragte sich, was diese Accessoires eigentlich ausdrücken sollten. Daß man noch kein fließend Wasser im Haus habe, dafür aber eine Satellitenschüssel am Giebel? Lober wartete immer darauf, daß einmal eine Hausfrau aus einem dieser Haustürportale – es waren ja garagentorgroße Haustürportale, die man jetzt hatte, mit Butzenscheiben und aufgehängtem Ährenkranz – daß also eine Hausfrau aus diesem Haustürportal käme, mit einem Plastik­eimer in der Hand, zu ihrem Ziehbrunnen ginge und sich das Wasser für den Nachmittagskaffee heraufkurbelte. So etwas geschah nie. Genauso wenig wie der geraniengeschmückte Leiterwagen je einmal zum Einsatz gekommen wäre. Was sollte der Leiterwagen eigentlich besagen? Daß, wenn man es einmal nicht so eilig hätte und mit dem BMW aus der Doppelgarage lospreschen müßte, daß man dann auch ohne weiteres einmal seinen Leiterwagen einspannen könne, wahrscheinlich hatte man irgendwo auch noch zwei Ochsen stehen, hinter dem Haus vielleicht im Garten, zwischen dem OBI-Holzgartenhäuschen und den Blumenrabatten, die den kurzgeschorenen Golfrasen umrandeten und in denen alle zwei Meter eine zerbrochene griechische Amphore aus der schwarzen Blumenerde herauslugte, das heißt die Attrappe einer zerbrochenen Amphore, die gab es nämlich im Baumarkt als Preßkeramik zu kaufen: zerbrochene Amphoren, wie frisch aus der Ägäis herausgefischt. Da hinten also könnten ja, wer weiß, dachte Lober, zwei Ochsen stehen und die spannte man dann vor den Leiterwagen und fuhr damit … ja, wohin fuhr man dann eigentlich, zum Mistabladen auf den Acker oder doch eher zum Lidl oder zum Netto, zum Minimal? Man hat ja schließlich die Auswahl und lebt in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Lober war den Fußweg zu einer Doppelhausreihe entlanggegangen. Probierte es an der ersten Haustüre. Wie durch ein Wunder ward ihm bereits beim zweiten Klingeln aufgetan. Gleich an der ersten Tür nach dem zweiten Klingeln aufgetan. Es würde ein Glückstag werden müssen, wenn er schon so begann. Die Dame des Hauses stand vor ihm. Sah Lober mit seinem Musterkoffer, und noch ehe er irgend etwas sagen konnte, schrie sie völlig hysterisch: »Hab’ keine Zeit, mir kocht die Milch über!« Und schlug die Tür zu.

Is’ ja schon gut, dachte Lober und stand jetzt da mit seinem Testpapier in der Hand, das er noch schnell aus der Tasche gezogen hatte. Das war sein Verblüffungspapier, ein kreisrundes, schneeweißes Plättchen. Mit dem hatte er noch jedesmal Erfolg gehabt und selbst die sauberkeitssüchtigste Hausfrau überzeugen können. »Sie haben doch sicher gestern den Dielenboden gesaugt … oder gar gewischt, hab ich recht, Madame?« und welche Madame würde es da wagen zu widersprechen, und schon hatte er sie am Angelhaken, denn nun würde er weitermachen, »aber sehen Sie einmal, wenn ich mit diesem Papier hier über den Ihrer Meinung nach doch sicherlich blitzblanken Boden wische, dann …« Aber soweit war er gar nicht gekommen, daß er sich wieder aufrichten hätte können mit seinem Beweispapier, auf dem noch jedesmal nach diesem Überrumpelungscoup ein Schmutzrand zu sehen gewesen war. Weil sich Madame ja aufführen muß, als ob der Vesuv Lava spuckt, nur weil die Milch überkocht. Er hätte ihr noch hinterherrufen wollen (denn das machte den erfahrenen Außendienstmitarbeiter aus: in jeder Situation eine Beratung parat), »manchmal muß es sich direkt ein wenig anlegen … ich meine anbrennen … sonst … sonst wird das nichts. Zum Beispiel Gulasch, … ein richtiges ungarisches Gulasch muß anbrennen, die Ungarn lassen immer alles anbrennen«, aber die Dame des Hauses hörte ihn schon nicht mehr.

Lober wechselte die Straßenseite, bog in den Drosselweg ein. Vielleicht waren Reihenhäuser doch nicht der richtige Einstieg. Er ging an einem dieser Jägerzäune entlang, vorbei an Masten mit aufgezogenen weißblauen Rautenfahnen, an gipsernen Löwen, die die Auffahrten zu Doppelgaragen bewachten. Und auf einmal fühlte er eine zaghafte Regung in sich aufsteigen, jetzt hier auf der Stelle seinen Musterkoffer auf den Gehwegasphalt abzustellen, sich die viel zu eng um den Hals geknotete Krawatte vom Hals zu reißen, das Anzugjackett auszuziehen … nein, es vom Körper herunterzufetzen und über die spitz zugefrästen Holzlattenenden des Jägerzauns zu peitschen, bis es nur mehr in ausgefransten Stoffstreifen davon herunterhinge. Und dann würde er auflachen, laut auflachen, zum Beispiel angesichts dieser hundehüttegroßen Mühle, die im nächsten Vorgarten stand, an dem er jetzt vorbeikam, aus frischem, hellem Fichtenholz oder vielleicht auch aus Fichtenholzplastikimitat, jedenfalls wurde das nette Miniaturwasserrad dieser heileweltkleinen Spielzeugmühle – klapper-di-klapp – von einem echten Wasserrinnsal angetrieben und daneben im Gras lag ein Bambi mit schokoladenbraunem Fell, allerdings in den Dimensionen überhaupt nicht zur Mühle passend, sah doch das Bambi wie irgendso ein Tyrannosaurus Rex locker mit dem Kopf über das mit kleinen Felsbröcklein beschwerte Schindeldach der Mühle hinweg.

Doch das alles tat Lober nicht. Sondern er bog brav in die nächste Einfahrt ein, ging bis zur Haustüre, klingelte. Diesmal dreimal. Die Tür öffnete sich und ein Mann in Küchenschürze stand vor ihm. Nur noch Männer trugen Küchenschürzen. Innenhineinschauer wie Lober konnten darüber genaue statistische Aussagen treffen. Frauen hatten das längst abgelegt, das Küchenschürzentragen. Aus emanzipatorischen Gründen. Soweit sah Lober sogar in die Frauen hinein. Auch auf diesem Gebiet Innenhineinschauer.

»Ja, bitte?« sagte der Beschürzte.

Lober erschrak direkt ein wenig, weil ihm bewußt wurde, daß er die ganze Zeit stumm vor diesem Herrn da stand, gefangengenommen von dessen Erscheinung, zugegebenermaßen lächerlichen Erscheinung. Ob das nur allein die Küchenschürze ausmachte? Längsgestreift war sie in den Farben der italienischen Flagge und auf dem Latz trug sie die Aufschrift Alfredissimo. Unter dem Schriftzug ein gezeichneter Hummer.

»Ist was mit Ihnen?« fragte der Hausmann, weil Lober immer noch keinen Ton herausbrachte, nur sein Grinsen wurde immer breiter, direkt debil.

»Das kleinste Staubkorn ist ein Wunder, das wir nicht verstehen … und deshalb bekommen wir es auch nicht restlos aus dem Teppichboden heraus … letzten Endes hilft da selbst die stärkste Saugkraft nichts, wußten Sie das?«

Lober hätte nicht zu sagen gewußt, ob diese Variante der Gesprächseröffnung schon jemals auf irgendeinem der von ihm besuchten Schulungsseminare durchgesprochen worden wäre. Trotzdem war ihm das jetzt so eingefallen, ja, dieser Satz erschien ihm geradezu die wichtigste Mitteilung, die er heute zu machen hatte.

»Ah, jetzt …!« Der Hausmann lachte auf. »Sagen Sie’s doch gleich: Zeuge Jehovas. Sie lassen sich auch immer was Neues einfallen. Nicht unwitzig, aber … für ’ne theologische Disputation habe ich jetzt trotzdem keine Zeit.«

Disputation, hatte er Disputation gesagt? Wahrscheinlich schon. Lober hatte ja gleich auf den ersten Blick auf frühpensionierten Gymnasiallehrer getippt, plötzlich manifest gewordene Kreideallergie, so was in der Art, jetzt aber war er sich sicher: zwölf Uhr mittags allein daheim, Alfredissimo-Küchenschürze, Disputation: er mußte irgend so einen akademischen, folglich arbeitslosen Oberschlaumeier vor sich haben. Er ließ trotzdem nicht von ihm ab.

»Nein, nein, warten Sie doch. Wußten Sie, daß das Staubkorn getrennt werden kann, und daß das Getrennte dann wieder Staubkörner sind, und daß man das so weitermachen kann … fortsetzen … bis ad Delphi … oder wie man sagt, Sie kennen sich doch da aus … aber was ich eigentlich sagen wollte: Ist das nicht ein Wunder?«

»Was?«

»Na, die Moose, die Kräuter, die Bäume, die Tiere.«

Dem Herrn war mittlerweile sein überlegenes Lächeln vergangen. Er schüttelte den Kopf.

»Wollen Sie mir nicht endlich sagen, wer Sie überhaupt schickt?«

Just in diesem Moment geschah das Ungeheuerliche. Lober wußte es nämlich nicht mehr. Er wußte die Antwort auf diese simple Frage nicht mehr. Dabei war das doch das eherne Gesetz eines jeden Außendienstmitarbeiters. Damit hatte doch im Grunde jedes Haustürgespräch zu beginnen: Grüß Gott, ich komme von der Firma … Aber Lober wußte es nicht mehr. Und er wollte auch gar nicht mehr darüber nachdenken. Er gab sich nicht die geringste Mühe, daß es ihm wieder einfiel. Alles, was er tat, war lächeln. Er lächelte den Mann in der Alfredissimo-Küchenschürze an. Der schüttelte über diesen offensichtlichen Irren vor ihm den Kopf und schmiß dann, ziemlich geräuschvoll, die Haustüre zu.

Lober blieb stehen. Leise murmelten seine Lippen: Nie und nie in meinem Leben war ich so erschüttert wie in diesen zwei Minuten.

Er mußte lachen.
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