Otto Schwerdt/Mascha Schwerdt-Schneller: Als Gott und die Welt schliefen

10,20 EUR
inkl. 7% MwSt.

Otto Schwerdt/Mascha Schwerdt-Schneller
Als Gott und die Welt schliefen


Vorwort Eberhard Dünninger, 112 S., 10,20 Euro ISBN 978-3-929517-27-9


Otto Schwerdt, geboren 1923 in Braunschweig, flieht 1936 mit seiner Familie nach Polen. 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, überlebt Otto Schwerdt zusammen mit seinem Vater den Holocaust. Seine Mutter, seine Schwester und sein Bruder werden von den Nationalsozialisten ermordet.

Otto Schwerdt, der seit 1954 in Regensburg lebte und dort 2007 verstarb, hat spät begonnen, seine Leidensgeschichte zusammen mit seiner jüngsten Tochter Mascha aufzuarbeiten. Die langen Gespräche wurden zur Grundlage des gemeinsam verfassten erschütternden Berichts.

"Als Gott und die Welt schliefen" ist mit über 40.000 verkauften Exemplaren der Bestseller des Verlags.



Vorwort von Prof. Dr. Eberhard Dünninger
 
Als die Nationalsozialisten im August 1943 Otto Schwerdt mit seiner Familie nach Auschwitz deportierten, war ich gerade neun Jahre alt. In jener Zeit trugen in meiner Heimatstadt so manche unserer Nachbarn den gelben Stern. Als Kind nahm ich wahr, daß diese Menschen den Stern tragen mußten, meine Eltern und wir Kinder dagegen nicht. Die Räumung des jüdischen Altersheimes in unserer Nachbarschaft und der gewaltsame Abtransport alter Menschen gehören zu diesen frühen Eindrücken von Unrecht, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Es waren jene Jahre, in denen das Leben für Juden in Deutschland immer schwerer wurde, auch für Otto Schwerdt und seine Familie in Braunschweig. Erst viel später kam zu meinen eigenen Kindheitseindrücken die Kenntnis der schrecklichen Verbrechen dieser Zeit hinzu.

Es gibt inzwischen viele Mahnmale für die Verfolgten und Ermordeten, Zeichen der Erinnerung an den Holocaust in aller Welt. Dies sind die Orte, von denen wir schweigsam, aber auch betroffen und verändert zurückkehren. Auch die Aufzeichnungen von Otto Schwerdt lassen uns verstummen. Sein Bericht ist ebenfalls ein Mahnzeichen, ein ,,Feld der Erinnerung", auf das er uns mit einer beeindruckenden seelischen Kraft führt. Wer die Maßlosigkeit der Tat, der Untaten, die von den Deutschen begangen wurden, auch nur erahnen will, ohne sie je begreifen zu können, muß immer wieder einen Weg zu solcher Einsicht, zu Gedenken und Sühne versuchen.

Wer von uns möchte ermessen, wie viel seelische Kraft es braucht, um als Opfer an die Orte des Grauens zurückzukehren, wie viel Mut und Tapferkeit, um als Opfer über das unermeßliche Leiden und das mörderische Handeln der Täter zu sprechen, zu schreiben. Auch Otto Schwerdt fällt dies nicht leicht, und doch hat er es getan. Bei Lesungen aus seinen Aufzeichnungen teilen sich seine eigene Bewegung und Erschütterung allen Zuhörern mit und prägen sich ebenso unvergeßlich ein wie sein Bericht über seine Leidenszeit.

Sein Buch wird dies in gleicher Weise tun. Auch im gedruckten Wort ist es mehr als ein erschütternder Leidensbericht. Es ist das Lebens- und Überlebenszeugnis eines Zeitgenossen, der die Tragödie des jüdischen Volkes und unseres Jahrhunderts auf schreckliche Weise erlitten hat. Es ist ein Buch von eindrucksvoller Darstellungskraft, von überzeugender Wirkung auf den Leser und von hohem Aussagewert als historische Quelle. Es ist ein Dokument nicht nur unsäglicher, unmenschlicher Grausamkeit. Das Buch zeigt, wie ein Mensch in diesen extremen Situationen, in denen keine Regeln menschlichen Zusammenlebens mehr gelten, einen Weg findet, sich zu behaupten. Menschen wie Otto Schwerdt helfen uns und künftigen Generationen mit dem Erzählen ihres Schicksals. Sie lassen uns mitfühlen, was diesen Menschen widerfahren ist.

Für immer _ aere perennius _ werden in den Seiten seines Buches Schrecken und Entsetzen gegenwärtig sein, aber auch menschliche Willensstärke und Tapferkeit. So sollte es uns auch auf eine bessere Zukunft einer humanen Gesellschaft hoffen lassen.

Wieder im Ghetto
 
Ich war froh, wieder im Ghetto bei meiner Familie zu sein. Meine Mutter hatte sich in den vier Monaten verändert. Sie war alt und traurig geworden. Die Sorgen, die sie sich machte, als mein Vater im Zwangsarbeitslager war, und jetzt das Bangen um mich, das alles spiegelte sich in ihrem Gesicht. Als wir uns sahen, fielen wir uns wortlos in die Arme und weinten. Wir weinten alle, mein Vater, meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich.
Das Ghetto erschien mir nach der Zeit im Zwangsarbeitslager wie ein kleines Paradies. Es war ein Nachhausekommen. An das normale Leben draußen, als freier Bürger mit allen Rechten, dachte ich nicht mehr.
Die jüdische Bauunternehmung, die uns angefordert hatte, war dem Judenrat unterstellt, der wiederum den Anweisungen der Deutschen folgte. Wenn man „jüdische Bauunternehmung" hört, glaubt man, dieses Unternehmen würde nur im Ghetto Bauarbeiten ausführen. Doch nur die Arbeitskräfte waren jüdisch. Juden waren die billigsten Arbeitskräfte, nur das allein zählte. So gut wie alle Arbeiten fanden außerhalb des Ghettos statt. Wir renovierten Häuser und bauten für die Deutschen kleine Produktionsanlagen. Im Ghetto selbst wurde nahezu nichts erneuert. Den Nazis war es egal, unter welchen Bedingungen wir lebten. Es lag an den Bewohnern selbst, dies oder jenes auszubessern. Doch meist scheiterten die Vorhaben am fehlenden Baumaterial. Man konnte nur verwenden, was man an oder in irgendeinem anderen Haus klaute oder was die Bauunternehmung von den Baustellen draußen organisierte. Tag für Tag verließen wir also das Ghetto, um außerhalb Bauarbeiten und Ausbesserungen durchzuführen.
Irgendwann, ich glaube es war Anfang 1943, schickten sie uns täglich nach Srodula. Srodula war ein kleiner Vorort von Sosnowitz, der direkt an die Stadt grenzte. An einem Hügel standen kleine verlassene Häuser, die wir, so gut es ging, restaurierten. Um das ganze Gebiet verlief ein hoher Zaun. Wir bauten also ein weiteres Ghetto. Das von Sosnowitz reichte nicht mehr aus. Die Deutschen erweiterten es um Srodula. Das neue Ghetto wurde Neu-Srodula genannt. Die Nazis wollten hier die Juden aus den Ghettos der Umgebung zusammenlegen und später deportieren. Im Ghetto Dombrowa fingen sie damit an, zuerst alte Menschen „umzusiedeln". Sie wurden nach Auschwitz deportiert. Es begann ein Kampf um Arbeitsbescheinigungen. Wenn man einen Nachweis hatte, daß man in irgendeinem Unternehmen außerhalb arbeitete oder in einem Ghettobetrieb, der für die Wehrmacht produzierte, wurde man verschont. Vorerst.
Eines Tages tauchte ein Mann auf. Er war Jude. Er behauptete, aus dem Vernichtungslager Treblinka geflüchtet zu sein. Von ihm hörten wir zum erstenmal, daß die Nazis Juden und andere, die ihnen nicht paßten, vergasten. Ich konnte das nicht glauben.
Man kann so etwas nicht glauben. Den Gedanken, daß wir alle vernichtet werden sollten, konnte ich nicht ertragen. Mein Gehirn weigerte sich, allein die Worte zu denken, „die Juden werden vergast". Meine Familie, meine Freunde, all die Juden, die ich kenne, wollen die Deutschen umbringen! Und mich.
Nach ein paar Tagen war der Mann verschwunden. Ich erfuhr, daß er mitten auf der Straße von einem volksdeutschen Polizisten erschossen wurde.
 
Es war im Mai 1943, als das Ghetto Dombrowa vollkommen aufgelöst wurde. Bis zuletzt arbeitete ich bei der jüdischen Bauunternehmung. Dann hieß es, daß sich alle Juden aus Dombrowa sammeln müßten. Die Hetze nahm kein Ende.
Stark bewacht brachten sie uns zuerst nach Sosnowitz. Von dort kam ein Teil nach Neu-Srodula, die übrigen ins Ghetto von Bedzin. Uns schickte man in das von uns gebaute Ghetto Neu-Srodula. Oft dachte ich, wie erniedrigend es ist, daß die Opfer ihr eigenes Gefängnis bauen. Während der ganzen Zeit des Bauens versuchte ich, diese Gedanken zu verdrängen. Auch das Wissen, nichts gegen die Nazis tun zu können, sich nicht wehren zu können, machte mich mal rasend vor Wut, mal ganz klein und resigniert.
Der Judenrat teilte uns ein Zimmer zu. Lebensmittel bekamen wir nur auf Bezugsschein. Srodula wurde meist von volksdeutschen Polizisten bewacht. Verlassen konnte man das Ghetto nur mit einer Sondergenehmigung. Es dauerte nicht lange, und die Nazis führten in Srodula Razzien durch. Erst etwa alle zwei Wochen, dann wurden die Abstände immer kürzer. Die Juden wurden auf die Straße befohlen. Dann selektierten SS-Männer die Menschen. Bei solch einer Selektion teilten sie die Menschen in vier Gruppen ein: erstens diejenigen, die bleiben durften, da sie in kriegswichtigen Fabriken arbeiteten; dann die Gruppe, die für verschiedene Zwangsarbeitslager in Deutschland ausgewählt wurde; drittens diejenigen, die ins Vernichtungslager Auschwitz geschickt wurden und schließlich welche, die weiterhin im Ghetto bleiben durften. Warum sie dies durften, wußte keiner.
Die Menschen im Ghetto bauten sich kleine Bunker in ihren Kellern, damit sie sich bei der nächsten Razzia verstecken konnten. Sie teilten die Keller und zogen eine Zwischenwand ein, hinter der man sich verbergen konnte. Doch die Chance, unentdeckt zu bleiben, war winzig klein.
Am Sonntag, den 1. August 1943 begannen die Deutschen mit der vollkommenen Auflösung des Ghettos Srodula. Sie hatten zuvor nie einen Sonntag für eine Razzia ausgewählt. Um Mitternacht umstellten die SS, die Wehrmacht und die volksdeutsche Polizei das Ghetto. Mit Lautsprechern gingen sie durch die Straßen und brüllten: „Alle Juden raus!" Zwischendurch hörten wir Schüsse, explodierende Handgranaten und Schreie. Sie und leider auch die jüdische Polizei trieben die Menschen aus ihren Wohnungen auf einen Sammelplatz.
Wir alle haben furchtbare Angst. Es geht alles durcheinander. Keiner von uns kann einen klaren Gedanken fassen. „Wir müssen raus, sonst kommen sie ins Zimmer und erschießen uns!", schreit mein Vater.
Wo sind die Koffer? Meine Mutter hatte für jeden von uns einen kleinen Koffer mit dem Allernötigsten griffbereit. Jeder zieht schnell noch eine Jacke über und greift nach seinem Koffer. Es geht so schnell. Ich spüre meinen Puls ganz oben am Hals, kräftig und laut. Von den anderen Zimmern im Haus höre ich aufgeregtes Reden, Schreien und Weinen. Unsere Nachbarn laufen nach unten. Mein Vater und meine Mutter umarmen sich wortlos. Dann dreht sich meine Mutter zu Meta, Sigi und mir und umarmt uns. Wir können kein Wort sagen.
„Schnell", ruft mein Vater, „ runter". Wir hasten die Treppe hinunter, mit unserem kleinen Koffer in der Hand, durch die Haustür und bleiben vor dem Haus stehen. Plötzlich ist keine Hektik mehr unter uns, nur noch unvorstellbare, grausame Angst.
Wir selbst können nichts mehr tun. Wir können nur warten, was sie mit uns tun werden. Wir sehen Menschen auf uns zukommen. In der Mitte die Zusammengetriebenen, links und rechts die Bewacher mit ihren Waffen. Dazwischen laufen Kinder ziellos hin und her. Sie weinen und suchen nach ihren Eltern. Viele dieser Kinder sterben in dieser Nacht.
Hinter den Gefangenen ist noch ein Trupp, der die schon verlassenen Häuser durchsucht. Wieder Schüsse, Weinen und Gebrüll. Zwei Häuser weiter haben sich einige Menschen versteckt, sie werden entdeckt.
Jetzt kommt unser Haus dran. Wir stehen immer noch vor unserem Haus. Ich sehe meinen Vater an und frage: „Soll ich abhauen, wenn ich kann?"
„Junge, ich kann Dir nicht helfen. Wenn Du eine Chance siehst, mußt Du selbst entscheiden", antwortet er mir, dreht sich zu meiner Mutter und nimmt ihre Hand. Meine Eltern, Sigi und Meta gehen vor zur Straße in die Reihe der Gefangenen. Ich bleibe ein Stück hinter ihnen. Die Männer des Durchsuchungstrupps gehen zu den anderen Bewachern hinüber. Für einen Augenblick drehen sie uns den Rücken zu und sprechen miteinander.
Das Haus, aus dem sie kamen, hat doch noch einen Seiteneingang, schießt es durch meinen Kopf. Ohne weiter nachzudenken, laufe ich los. Geduckt. Ich muß in den Seiteneingang dieses Hauses rein. Ich renne und denke: „Gleich spüre ich die Schüsse in meinem Rücken oder in meinem Kopf." Doch ich laufe einfach gebückt weiter, ohne mich umzudrehen. Meine Bewegungen kommen mir extrem langsam vor. Es ist, als wäre Watte um mich, die alles dämpft.
„Warum spüre ich die Schüsse nicht?" Es scheint ewig zu dauern, bis ich den Seiteneingang des Hauses erreiche.
Ich bin drin. Leise laufe ich die Treppen hoch bis zum Dachboden und verkrieche mich in einer Ecke. Nach einer Weile wird das Gebrüll der SS und das Schreien und Weinen der Opfer immer leiser. Dann ist es still. Das Haus ist schon durchsucht worden. Außer mir ist keiner mehr hier. Vielleicht schaffe ich es. Ich denke an meine Familie. Wie konnte ich wissen, daß ich meine Mutter und meine Schwester in dieser Nacht das letzte Mal gesehen hatte?
Ich verbringe die ganze Nacht auf dem Dachboden. Bei jedem Geräusch zucke ich zusammen und versuche herauszuhören, was es ist. Ich höre leise Stimmen. Unter mir in der Wohnung ist doch noch jemand.
Ich fühle mich wie ein gejagtes Tier. Die Anspannung und die Angst lassen meinen Körper erstarren. Ich kann keine klaren Gedanken fassen. Nichts Geordnetes. Alles ist durcheinander. Ich frage mich, ob ich meine Familie je wieder finden kann, ob ich hier entdeckt werde ? Und wenn ich nicht entdeckt werde? Wie soll ich hier überleben? Werde ich überhaupt weiterleben? Nur noch Fragen, auf die ich keine Antwort finde.
In dieser Nacht fühle ich mich so verlassen wie noch nie in meinem Leben. In dieser Nacht wünsche ich mir zum ersten Mal, tot zu sein. Nichts mehr hören müssen, keine Schreie, kein Gebrüll. Kein Bangen mehr um meine Familie, keine Angst mehr vor Schmerzen, keine Angst vor dem Tod. Nichts mehr spüren. Der Tod würde alles lösen.
Gegen Morgen wecken mich die Stimmen der SS. Sie reißen mich aus meinem Todestraum. Ich bin wieder bei mir. Ich habe es doch nicht getan, geht es durch meinen Kopf.
Die SS durchsucht nochmal die Häuser. Im Stockwerk unter mir beginnen Kinder leise zu weinen. Meine Gedanken werden wieder klarer, und ich beginne den Überlebenskampf von neuem, obwohl ich mir noch vor wenigen Stunden nichts mehr wünschte als den Tod.
Ich weiß, daß ich keine Chance habe, unentdeckt zu bleiben und komme vom Dachboden herunter. Ich gehe in die Wohnung, aus der ich die Stimmen hörte. Es ist eine Familie mit zwei kleinen Kindern, die sich über Nacht versteckt hatten. Wir hören Stimmen. Die Nazis kommen wieder. Wir sind ganz still. Selbst die kleinen Kinder hören auf zu weinen. Zwei bewaffnete SS-Männer gehen durch die Wohnungstür und bleiben vor uns stehen. Auch sie sind ganz still. Sie machen eine Vorwärtsbewegung mit dem Gewehr, die uns zu verstehen gibt: „Kommt jetzt!" Einen Moment denke ich, wir tun ihnen leid.
Sie führen uns auf einen Platz, auf dem schon etwa 100 Gefangene stehen. Ich sehe einen älteren Mann tot in seiner Blutlache liegen. Er hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten. Ein SS-Mann will sich vergewissern, daß er wirklich tot ist und stochert mit seinem Gewehr an ihm herum. Dieser tote Jude hatte denselben Traum wie ich. Er träumte ihn zu Ende.
Unter den Häftlingen erblicke ich Herrn Berliner, seine Frau und seinen zehnjährigen blonden Sohn.
 
Man brachte uns alle nach Bedzin. Wir wurden in einen größeren Raum geführt, in dem schon einige Menschen auf dem Boden saßen. Hier traf ich meinen Freund Schlamek Metz, den ich in der zionistischen Organisation in Dombrowa kennengelernt hatte. Auch der Junge Miodownik und das Mädchen Rushka, beides Freunde aus dem Ghetto, waren hier. Meine Freunde wiederzusehen, obwohl ihre Lage genau wie meine hoffnungslos war, erleichterte mich im Moment. Ich fühlte mich sicherer.
In dem Raum saß ein Ehepaar, das sich eng umarmte. Der Mann weinte schrecklich. Um ihn zu beruhigen, gingen wir zu ihm hinüber. Er erzählte uns, warum er so verzweifelt war: Er, seine Frau und sein kleiner Sohn versteckten sich im selbstgebauten Bunker im Keller. Der kleine Säugling weinte gerade, als sie die Stimmen und Schritte der SS-Leute näher kommen hörten. Das Kind ließ sich nicht beruhigen. Um nicht entdeckt zu werden, hielt der Vater ihm die Hand vor den Mund. Sein kleiner Sohn ist erstickt, ohne daß er es merkte. Der Mann stammelte nun immerzu vor sich hin: „Ich habe mein eigenes Kind umgebracht!". Es war schrecklich für mich, diesem verzweifelten Mann, der sein Kind über alles geliebt hatte und nichts Böses wollte, der nur mit seiner Familie in Frieden leben wollte, nicht helfen zu können. Meine Freunde und ich wollten ihn trösten und sagten ihm, daß die Deutschen den Kleinen umgebracht hätten und ihm so viel Leid von den Schändern und Mördern erspart geblieben wäre. Wir fühlten, daß dies ein schlechter Trost war, doch wir waren hilflos. Der Mann hörte nicht mehr auf zu weinen.
Zusammen mit etwa 150 anderen Menschen verbrachte ich die Nacht in dem Raum. Am Morgen trieb uns die SS auf die Straße.Wir mußten einige Zeit gehen und kamen an ein Gleis. Hier standen Güterwaggons. Wir wurden in einen Waggon hineingestopft.
Ich kann mich nicht mehr bewegen. Der Junge Miodownik erhascht einen Platz an der Luke. So kann er hinausschauen und bekommt mehr Luft. Plötzlich dreht er sich um und schreit: „Paßt auf!" Fast im gleichen Moment höre ich den Schuß. Miodowniks Kopf ist blutüberströmt. Er ist sofort tot. Ich bin wie versteinert. Ich begreife gar nicht so schnell, was geschehen ist. Alle im Waggon haben einen Schock.
Miodownik fiel nicht um, er hing leblos und blutverschmiert zwischen den anderen. Miodownik, der Junge aus dem Ghetto Dombrowa, war 16 Jahre alt, als er ermordet wurde.
Wir hörten, wie die anderen Waggons mit Menschen beladen wurden. Dann fuhr der Zug los. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis er sein Ziel erreicht hatte. Auschwitz-Birkenau.
Onlineshop by Gambio.de © 2012