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Ingrid Kellner: Genau beinand

9,10 EUR
inkl. 7% MwSt.

Ingrid Kellner
Genau beinand

Illustrationen der Autorin, Broschur, 64 S., 9,10 Euro, ISBN 3-929517-71-2


Die Autorin erzählt in 14 Kurzgeschichten von ihrer Kindheit auf dem Land, der Jugend und dem Leben in der Großstadt.



Die Autorin erzählt in 14 Kurzgeschichten von ihrer Kindheit auf dem Land, der Jugend und dem Leben in der Großstadt. Das muß man einfach aufschreiben, sagt die Autorin. Beim Erinnern genau beinander sein. Als Zeichnerin und Illustratorin im Brotberuf muß Ingrid Kellner genau beobachten, das tut sie auch in ihren Texten. Mit einem Schönfärben der sogenannten guten alten Zeit haben die Geschichten nichts zu tun. Die Schattenseiten rücken nicht aus dem Blickfeld; in diesem Sinne kann man den Titel auch bairisch so lesen: "Jetzt hast es aber gnau beinand!"


Ingrid Kellner, geboren 1945 in Weilheim; nach der Lehre als Graphische Zeichnerin Studium an der Graphischen Akademie in München. Arbeitete als Buch- und Werbegraphikerin in München. Seit 1972 Illustration zahlreicher Bilder-, Kinder- und Schulbücher; 1994 ausgezeichnet mit dem Till Eulenspiegelpreis der Stadt Schöppenstedt. Seit 1990 Texte für die Sendungen Betthupferl und Sonntagsbeilage des Bayerischen Rundfunks. Seit 1998 vor allem Arbeit als Autorin (Kurzgeschichten, Theaterstücke). Lebt seit 2004 in Landshut.

2018 ist von Ingrid Kellner der Roman
Die drei Damen von der Villa Hestia erschienen.


Meiner Oma muss ich ein Gedächtnis schreiben

Meiner Oma muss ich ein Gedächtnis schreiben, allein schon deswegen, weil sie meiner Mutter ihre Mutter war. Das muss man doch alles aufschreiben: wie gut es gerochen hat beim Bügeln. Auch die andere Oma hat gebügelt und meine Mutter auch, eine jede ein bisschen anders, in den Bewegungen, mit anderen Bügeldecken, anderer Wäsch, verschiedenen Eisen.

Man muss doch aufschreiben, wie man Grießnockerl anrührt, wie man Leute abfertigt im Laden drunt, wenn sie eine Batterie kaufen oder was Repariertes abholen.

Wie man Nudelteig macht, ihn auswalkt, dass der Tisch wackelt und dann auf Handtüchern übers Stiegengeländer hängt zum Trocknen. Wie man den Herd anheizt, den alten Wamsler, wie man das Nähkasterl verkommen lässt, damit so ein Kind es mit Genugtuung und viel Lob wieder aufräumen kann. Wie man abspült, wie man Butterschmalz auslasst. Wie man die Treppen hochschnauft, weil das Telefon schon wieder läutet und wie man dem Opa die Brotzeit herricht auf seinem Bretterl. Wie man die Wäsch einsprengt, wie man die Erdbeeren mit Holzwolle unterlegt, wie man den Schnittlauch abschneidet und die Johannisbeeren zupft. Wie man einweckt. Was noch?

Wie man, wie sie, den Anker wickelt, wie ihr dabei der Kupferdraht in der Zeigefingerrille liegt und die Brille auf der vorderen Nasenspitze. Wie sie eine Postkarte schreibt mit ihrer deutschen Schrift, und der Kugelschreiber schmiert. Die Fleischsuppe kocht schon oben auf dem Herd. Der Ausguss wird mit Ata geputzt. Ihre Lippen sind manchmal blau.

Ihr Kleiderschrank: ihre Kleiderbügel, ihre Kleiderschürzen, ihre Tücheln. Das dünne, mit dem wir Unsichtbar spielen und sie uns lässt, obwohl es ein teures ist und sie es am Sonntag in die Kirch anzieht. Ihr Platz ist auf der Frauenseite, zu der man hinter dem Hochaltar durchgeht. Da sind die Latten, die Blumenkübel, die Engel von hint, das ganze Gerüst und Abgestütze der vorderen Herrlichkeit, ein heiliges Theater. Der gefüllte Kalbsnierenbraten nach der Kirch und ihr einmaliger Kartoffelsalat. Eine Delikatesse, wie der Opa jedesmal stolz sagt, wenn er ihn am Tisch ein letztesmal vorsichtig mischt. Den teilt er aus. Er hat die Kartoffeln zur richtigen Mondzeit angebaut.

Meiner Oma ihr Schokoladenpudding in der rosa Glasschüssel, die ich vorher mit kaltem Wasser ausspülen darf, bevor der heiße Pudding hineinkommt und dann im Gang beim Telefon vor dem Fliegengitterfenster zum Kühlen abgestellt wird. Und wie sie das Weißbier für den Opa mit einem zugezwickten Auge waagrecht einschenkt, ganz langsam, damit es nicht so schaumt.

Warum nur hat sie mich und uns so gern gehabt, wenn nicht aus dem Gernhaben heraus. So einfach ist das, weil, sonst haben wir ihr nur Arbeit gemacht. Sie hat uns gern gehabt, weil wir Kinder waren.

So könnt man es aufteilen: Die Oma im Garten, die Oma in der Küch, die Oma im Laden, die Oma beim Putzen mit der Frau Wieler, die Oma am Sonntag, die Oma auf d’Nacht. Und zum Schluss auch noch die Geschichte mit der Tant Margot, weil sie da eine Ungute war, eine Harte, eine Verbitterte, der das Geschäft den Bach vorm Haus hinabgeschwommen ist. Und ganz zum Schluss ihre Krankheit und ihr armseliger Tod im Krankenhaus. Die Trauer vom Opa, wie er immer weint und ihr Bild im Wohnzimmer steht, und wie er sich das trockene, wachstischtuchsauberne Haushalten der Tant Resl gefallen lassen muss und seinen Stolz verliert und auch ins Krankenhaus kommt zum Sterben, wo seine Hände auf der Bettdecke ein eigenes, das alte Leben, weiterführen, aber nur noch die Hände und die viel zu viel.


Einen Fisch fangen

Am Freitag Abend sitzt mein Vater auf dem Sofa und liest in einem Buch. Ich les auch, ich kann es nämlich schon. Draußen regnet es und nicht zu wenig.

Mein Vater hebt den Kopf: „Mistwetter, mistiges. Aber morgen soll’s besser werden, hat der Radio gesagt, da fahren wir zum Fischen.“ Da sitzt er und hat die Füß im Schneidersitz untergeschlagen, den Armwickel gegen den Reißmathias umgebunden und die dicken Schafwollsocken an, damit er es gemütlich hat.

Ich schau ihn mir genau an: sein Haar, das er sich immer mit dem Lausrechen, einem Kamm mit ganz feinen Zähnen, aus der Stirn kämmt, ist weder braun noch blond, grad so zwischendrin. Er hat eine Nase mit großen Poren. Wenn er einen schönen, glatten Kieselstein findet, reibt er ihn dran und dann glänzt er. Von den Lippen ist die obere schmal und die untere füllig. Seine Zähne sind ebenmäßig und freundlich, aber man sieht sie nicht, wenn er die Mundwinkel streng nach unten zieht und mit den Augen so kalt und blau schaut. Da fühl ich mich ungut. Aber mein Vater meint es nicht so, so schaut er immer drein, wenn er nicht gerade lacht. Beim Lesen zucken seine Backenknochen leise, weil er, ohne dass er es merkt, immer die Zähne zusammenbeißt.

Jetzt ist ihm die Pfeife ausgegangen und er stopft sich eine neue. Ohne vom Buch hoch zu schauen, senkt er den Pfeifenkopf in den Tabaksbeutel. Da drin ist immer ein Apfelschnitz, damit der Tabak nicht zu trocken wird. Dann reißt mein Vater ein Zündhölzl an und zieht die Flamme durch die Pfeife tief ein, bis das Hölzl abgebrannt ist und sich zwischen seinen Fingern ringelt. Ein paar kleinere und ein tiefer Zug, dann steigt die blaue Rauchwolke im Licht der Stehlampe schräg durchs Zimmer. Das große Gesicht mit den blauen Augen dreht sich her zu mir. „Gibt’s nix Süaß?“

„Weinbernl hamma no“, sag ich.

„Hamma koan Tschoklat?“ Er weiß doch, dass keiner mehr da ist, aber ich mag es auch nicht gleich glauben, wenn ich was haben möchte, und es geht nicht. „Gibt’s wirklich nix Süaß?“

Ich steh auf und sag wie die Mutti: „A Bussi kannst ham“, und lauf ganz schnell in die Küch zum Weinberlholen.

Am Samstag in der Früh fahren wir zum Fischen, nur er und ich. Da hat meine Mutter ihre Ruh vor uns, und wir gehen ihr nicht im Weg um beim Putzen. Mein Vater hat ein Motorrad, eine schwere Maschin, und er hat keine Angst davor, dass ich runterfall, weil ich mich immer gut festhalt und in den Kurven schön mitgeh. Wir stellen die Maschin im Schatten ab und gehen zum Weiher, die paar Schritt. Im Gras packen wir das Fischzeug aus, und ich mach die Blechschachtel auf, wo die Regenwürmer drin sind. Die haben wir am Tag vorher gefangen. Mein Vater sucht sich einen schönen Dicken aus und fädelt ihn auf den Angelhaken. Der Regenwurm windet sich, aber nur ganz langsam, sicher gehalten von den behutsamen Fingern. Ich hab nicht das Gefühl, dass es ihm weh tut, aber komisch muss es schon sein.

Was für ein schönes Spielzeug die Schnuraufwickler-Rolle an der Angelrute ist. Jetzt schnurrt sie. Mit einem Schwung saust die Nylonschnur übers Wasser und bleibt in einer feinen Linie auf der glatten, satten Oberfläche liegen. Der Schwimmer schaukelt und kommt zur Ruh. Das Wasser ist dunkel am Rand, gläsern blau in der Mitte und wieder dunkel am andern End vom Erlenschatten. Eine Libelle schwirrt übers Schilf.

„Pst, halt dich stad! Da zupft einer.“

Das Schwimmersteckerl neigt sich und tanzt. Dann reißt mein Vater seinen Arm mit einem gewalttätigen Ruck durch die stille Luft nach hinten. „Hat ihn schon. Da schau, siehgst’n?“

Draußen im Weiher flattert und spritzt es im Zickzack. Die Schnur spannt sich, sie wird übers Wasser hoch gerissen, und Tropfen fallen in einer langen Linie darauf. Sie bilden Kreise, die sich gegenseitig überschneiden und beim Größerwerden verschwimmen.

„Ah, des ist koa Kloaner, dem müss ma no a bissl a Schnur geben, dass er müd wird.“ Wieder surrt die Rolle, schlägt der Bügel um, kurbelt die Hand, spannt sich die Angel. Das silbrige Geglitzer kommt näher, das Hin und Her wird immer enger. Jetzt kann man ihn sehen, den Fisch, das Wasser gibt den Blick frei. Ein Schlei. Seine Schuppen schimmern.

„Da geh her, jetzt hamma di glei.“ Senkrecht hängend wird der Schlei rausgezogen. Da ist kein spritzendes Gewurl mehr im Wasser, da ist ein fester, ovaler Körper, der hin und her schlägt mit dem Schwanz, und die Angel zum Wackeln bringt. Die eine Hand hält ihn, die andere dreht ihm behutsam den Haken aus dem Maul. Es blutet ein biss-chen.

„Das tut ihm net weh, da g’spürt er nix. Fisch san net empfindlich“, sagt mein Vater.

Ich glaub es gern. Aber das Atmen tut dem Fisch sicher weh, die Luft schneidet ihn, die Hand hält ihn fest. Fest, damit er nicht auskommt. Mit einem schnellen Schlag auf seinen Kopf saust ein Holzscheitl auf ihn runter. Da liegt der Fisch im Gras, auf der Seite, und zuckt noch ein biss-chen.

„Der ist schon tot, das sind nur die Reflex, da brauchst dir nix denken. Da hast ein Messer, tu ihn putzen!“

Kühl fasst er sich an, der Schlei, und schleimig. Ich halt ihn am Schwanz fest und schupp an ihm herum, aber er kommt mir immer wieder aus. Da lass ich es bleiben. Daheim die Mutter, die kann’s eh besser. Ich spiel noch ein bisschen an seinem Schnurrbart herum, dann stech ich mit dem Messer in sein hinteres Loch. Brauner Saft quillt heraus und zierliches Gedärm, rot mit dunklem Grün gefüllt. Die Klinge zieh ich ganz flach bis zu dem weißen Stück Haut zwischen den Kiemen, damit ich mir meinen Spaß, die Fischblase, nicht verderb. Mit der kann man Schifferl spielen. Ein paar Grashalme kleben dem Schlei auf seiner anderen Seite, wie ich ihn umdreh. Sein Maul ist immer noch weit offen.

Wenn ich beim Baden Wasser einschnauf, tut es gemein weh und lässt auch nicht so schnell nach. So weh muss dem Fisch die Luft tun wie mir das Wasser. Den Haken hat er ja nicht so gespürt. Und wie er aus dem Wasser heraus gezogen worden ist, hat er da gewusst, was mit ihm passiert? Ich kann’s mir nicht vorstellen, dass ein Fisch sich das vorstellen kann. Aber gespürt wird er es schon haben, dass da etwas stärker ist wie er. Dass ihn da was gegen seinen Willen in eine Richtung zieht, wo er gar nicht hin will und er muss trotzdem.

Manchmal reißt sich ein Fisch auch los.

„Himmelherrgottszeiten, Bluatsfisch, varreckter! Zupft hat er bloß, der Hundling, der verfressene. Der weiß schon wie’s geht, das is a ganz a Hinterfotziger.“ Verärgert wird die Schnur eingezogen und der leere Haken von neuem bestückt.

Heimlich freu ich mich für den Fisch, geb’s aber nicht recht zu, nicht mal vor mir selber, weil es doch ein Hundling war, ein gefräßiger, und denk mir, was er sich wohl denkt: „Ällalätsch!“

Für heute langt’s. Die Bremsen werden auch immer frecher, und zum Baden ist es schon zu kühl. Wir packen zusammen und gehen zurück zur Maschin. Mein Vater düpfelt den Vergaser mit dem Zeigefinger, ein kleines, schmatzendes Geräusch entsteht: dschk, dschk. Dann tritt er auf den Anlasser, wrrmm, tschk. Nochmal: wrrmm, nochmal, wwwrrmm, grumm, ja, jetzt ist er da, der Motor, satt und voll. Mein Vater schwingt den Fuß über die Maschin und dreht mit den Händen am Gas. Ich steig hinter ihm auf.

„Hast deine Füß aufg’stellt?“ Ja, freilich hab ich sie sofort auf die schwarzgummigerippten Fußraster gestellt. So was vergess ich nicht, wenn man es mir einmal gesagt hat. Und meine Hände habe ich beide um den Rücksitzgriff geklammert. Startgas, und jetzt der Anfahrtsruck, der mich nach hinten biegt und nach vorne zieht an seinen breiten Rücken. Ich umarme meinen Vater und halt mich fest an seinem graugrünen, kühlen Kleppermantel. Ich reich mit meinen Händen nicht ganz um seinen Brustkasten herum. Mit einem Rumpler fährt das Motorrad vom Feldweg auf die asphaltierte Strass hinauf. Jetzt dreht er auf. Der Fahrtwind fängt zu brausen an, die Augen tränen mir. Ich dreh meinen Kopf zur Seite, lege die Wange an das Gummigraugrün und bin müde und glücklich. Jetzt bin ich seine Große. Ich ganz allein.

Da kommt der Eschetsrieder Forst. Dunkel und kalt wird die Luft. Wir legen uns beide ohne Angst in die Kurven, so rüber und jetzt wieder hinüber. Die Luft braust. Warm und wiesenduftend wechselt ab mit kühl und waldig in der Dämmerung. Mein Vater hält die schwere Maschin ganz sicher mit seinen beiden Händen fest.
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