Hubert Ettl: In die Mitte Europas gerückt

14,80 EUR
inkl. 7% MwSt.

Hubert Ettl (Hrsg.)
In die Mitte Europas gerückt
Ein Lesebuch über die Zukunft des Bayerischen Waldes

mit 13 S/W-Fotos von Herbert Pöhnl, Klappenbroschur, 208 S., 14,80 Euro
ISBN 978-3-929517-86-6


In diesem Buch kommen 30 Frauen und Männer aus der Region zu Wort und machen sich Gedanken zur Zukunft des Bayerischen Waldes. Die so unterschiedlichen und kontroversen Einwürfe fordern zur Diskussion heraus: Wie kann und darf Heimat vorgestellt werden? Werden wir doch wieder nur zum Hinterland der Metropolen?

mit Texten von
Dietmar Brock, Andreas Dittlmann, Jörg Graser, Eike Hallitzky, Franz Himpsl, Elisabeth Hintermann, Walter Keilbart, Monika Kraus, Abt Hermann-Josef Kugler, Andreas Lambeck, Ludwig Lankl, Sten Martenson, Martin Ortmeier, Christoph Pfeffer, Herbert Pöhnl, Florian Pronold, Ludmila Rakusan, Karl-Heinz Reimeier, Rita Röhrl, Markus Sackmann, Klaus Schedlbauer, Sarah-Veronica Schießl, Walter Schlicht, Bernhard Setzwein, Karl Friedrich Sinner, Sebastian Stern, Bernhard Suttner, Caroline Waldeck, Hubert Weinzierl, Anna Wheill, Heinz Wölfl, Theo Zellner


Es ist fast 20 Jahre her, dass der Eiserne Vorhang fiel, dass der Bayerische Wald vom Hinterland an der Grenze in die Mitte Europas gerückt ist. Und: Geht es in den neuen Zeiten der Globalisierung nur darum, wie diese Region neu zu vermarkten ist? Oder ist über mehr zu diskutieren, wenn über die Zukunft nachzudenken ist.

Das Besondere des Buches ist, dass darin ca. 30 Frauen und Männer aus der Region zu Wort kommen, bunt gemischt: Politiker, Unternehmer, Manager, Touristiker, aber auch der Abt des Klosters Windberg, Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller. Wie sehen sie die Entwicklung, die Zukunft? Was wünschen sie sich für die Zukunft?

Politische Stellungnahmen und Satiren, Sience Fiktion und wissenschaftlicher Essay, Glossen und Gedicht - zum ersten Mal machen sich so unterschiedliche Persönlichkeiten Gedanken zur Zukunft des Bayerischen Waldes. Die kontroversen Einwürfe fordern zur Diskussion heraus: Wie kann und darf Heimat vorgestellt werden? Werden wir doch wieder nur zum Hinterland der Metropolen?



Inhaltsverzeichnis: 

Hubert Ettl : Gemeinsam über die Zukunft nachdenken
Walter Keilbart : Im Spannungsfeld von Tradition und Moderne
Markus Sackmann : Die Zukunft des Bayerischen Waldes
Florian Pronold : Auf dem Weg zur beliebtesten Urlaubsregion Deutschlands
Jörg Graser : Fit für den Transit – Kommt der Bayerische Wald unter die Räder?
Eike Hallitzky : Zukunftssichere Arbeitsplätze für das Waldland
Bernhard G. Suttner : Sympathie für die Bauern
Rita Röhrl : Alles nicht so rosa
Sarah-Veronica Schießl : menschen lehre wälder. Eine Streitschrift für die Hoffnung
Abt Hermann Josef Kugler : In der Mitte der Mensch. Kloster und Jugendbildungsstätte Windberg
Theo Zellner / Klaus Schedlbauer : Von der strukturschwachen Region zur „Region der Zukunft“
Walter Schlicht : Nach und nach an die Spitze in Europa gelangt
Monika Kraus : Leben am Rand der Gesellschaft
Heinz Wölfl : Quo vadis patria? Hat der Bayerische Wald eine Zukunft?
Andreas Lambeck : Bodenmais – Mut zu Veränderungen
Karl Friedrich Sinner : Nationalpark 2050
Herbert Pöhnl : Mühlhiasl lebt
Ludwig Lankl : Bevorzugter Wohn- und Lebensraum
Hubert Weinzierl : Leidenschaft ist gefragt
Christoph Pfeffer : Woid + Energie = Zukunft² oder: Eine Energiesche Region
Andreas Dittlmann : Archenland Bayerwald im Böhmerwald
Sten Martenson : Nachbarschaft 2030
Ludmila Rakusan : Ein Tag im Leben von Nguyen Thuy An. Reportage aus dem Jahr 2030
Sebastian Stern : Skizzen aus RE 4288 und RB 32440
Anna Wheill : Blühen in der Abseitigkeit
Karl-Heinz Reimeier : Heimatpflege in Jeans – ist das möglich?
Martin Ortmeier : Sammeln, aber was und wozu
Franz Himpsl : Unter allen Wipfeln ist Ruh’
Ditmar Brock : Was ist eigentlich eine Region?
Elisabeth Hintermann : Unser Dorf steht nicht mehr als letztes an der Grenze
Caroline Waldeck : Mehr Mitsprache!
Bernhard Setzwein : In der Nacht der Zukunft sind alle Gegenwarten grau

Hubert Ettl: Gemeinsam über die Zukunft nachdenken

Es ist fast 20 Jahre her, dass der Eiserne Vorhang fiel. Bewegende Szenen spielten sich 1989 und 1990 an den Grenzen ab, wo wir als Kinder 30 Jahre vorher beim Ministrantenausflug nur den Fuß rüber hielten oder die ganz Mutigen hinüberhüpften, ohne dass uns der „Russ“ gleich verhaftete. Diese Grenze ist heute weitgehend offen. Der Bayerische Wald ist vom Hinterland an einer verschlossenen Grenze in die Mitte Europas gerückt.

In diesen vergangenen Jahrzehnten hat die Internationalisierung der Wirtschaft einen weiteren, gewaltigen Schub erfahren. Die Finanzmärkte, die Warenströme, die Absatzmärkte verschmelzen zu einem globalisierten Weltmarkt. Die Großstädte wachsen zu Metropolen, die den Takt bei dieser Globalisierung schlagen.

Was bedeutet nun diese hier in wenigen Sätzen umrissene Veränderung für den Bayerischen Wald? Was wird aus dem Hinterland am ehemals Eisernen Vorhang? Kann sich die strukturschwache Region in dieser neuen Situation behaupten, gar von ihr profitieren? Oder fallen wir mittel- und langfristig noch weiter ab gegenüber den Metropolregionen z.B. um München? Kann man den Wohlstand nur halten, wenn man als ländliche Region beständig am För­dertropf der Politik hängt? Wandern die gut ausgebildeten, kreativen jungen Leute beständig ab, so dass wir einmal zum landschaftlich schönen, eher ruhigen, aber eben zu einem der Altenheime der Nation werden?

Wo über die Zukunft des Landes diskutiert wird, da handelt es sich meist um die Bereiche der Politik: die Parlamente und Ministerien, die Bezirksregierungen, die Landkreise. In den Sonntagsreden der Politiker wird von den eigenen Zukunftsanstrengungen geredet, und dabei ausführlich betont, um wie viel Mal besser man die Zukunft gestalten könne als die parteipolitischen Gegner. Und dann liest der Bürger manchmal in der Presse über die Zukunft, wenn wieder ein Gutachten eines Experten vorgestellt wird. Große Werbeagenturen werden beauftragt, die sich eine zündende Idee ausdenken sollen, wie der Bayerische Wald vermarktet werden könnte, welches Image er sich zulegen solle. Für die simpelsten Vorschläge, aber mit gehöriger Schaumschlägerei vorgebracht, werden da stattliche Honorare bezahlt.

Gemeinsam über die Zukunft des Bayerischen Waldes nachzudenken, ist das Anliegen dieses Buches. Gemeinsam heißt zum einen, einige Politiker aus den verschiedenen Ebenen über die Parteigrenzen hinweg hier zu Wort kommen zu lassen. Dies sind einmal die drei Landräte Theo Zellner, Heinz Wölfl, Ludwig Lankl aus den Landkreisen Cham, Regen und Freyung-Grafenau; dann der zuständige Staatssekretär aus dem Bayerischen Wirtschaftsministerium, Markus Sackmann, der zudem im Bayerischen Wald zuhause ist. Neben diesen vier CSU-Politikern schreiben für dieses Buch der SPD-Bundestagsabgeordnete und stellvertretende bayerische SPD-Vorsitzende Florian Pronold aus Deggendorf, der Landtagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen aus dem Landkreis Passau, Eike Hallitzky, und Bernhard G. Suttner aus Windberg, Landesvorsitzender der ÖDP. Dazu gesellt sich Rita Röhrl als SPD-Bürgermeisterin des Marktes Teisnach, der einer der wenigen traditionellen Industriestandorte des Bayerischen Waldes ist.

Gemeinsam nachdenken heißt aber in diesem Buch auch, dass den Politikerstatements Einschätzungen und Vorschläge, Befürchtungen und Hoffnungen von Unternehmensleitern (z.B. Walter Schlicht vom Unternehmen Linhardt), vom Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für Niederbayern, Walter Keilbart, dem Chef des Nationalparks Bayerischer Wald, Karl Friedrich Sinner, und dem Urgestein der Naturschutzbewegung, Hubert Weinzierl aus Wiesenfelden, an die Seite gestellt werden.

Ganz neu ist aber, dass für dieses Buch auch Autoren und Autorinnen eingeladen wurden, die normalerweise in der politischen und verbandsöffentlichen Diskussion nicht auftauchen, z.B. der erfolgreiche Filmemacher Jörg Graser aus Frauenau und der bekannte Autor Bernhard Setzwein, oder der Fotograf und Autor Herbert Pöhnl, die tschechische Journalistin Ludmila Rakusan, der Kreisheimatpfleger Karl-Heinz Reimeier und der Museumsleiter Martin Ortmeier, oder der Abt Hermann Josef Kugler aus dem Kloster Windberg. Ein alter Hase unter den professionellen Schreibern ist Sten Martenson, jahrelang als Journalist nahe dran an der Politik in Bonn und Berlin und seinem Urlaubsdomizil, dem Bayerischen Wald, seit über 30 Jahren verbunden. Und aus der professionellen Sicht des Soziologieprofessors schreibt Ditmar Brock über die Perspektiven der Region.

Andreas Lambeck, der neue Tourismuschef von Bodenmais, entwirft seine neuen Vorstellungen für die Fremdenverkehrshochburg des Bayerwalds. Engagiert wirbt der junge Ingenieur Christoph Pfeffer für eine regionale Energieversorgung, die sich auf die eigenen Ressourcen besinnt. Zu den jungen Mitarbeitern des Lesebuches zählen auch die Studenten Franz Himpsl, Sarah-Veronica Schießl und Sebastian Stern, die zu jener Gruppe von Autoren gehören, die nach ihrer Kindheit und Jugend im Bayerischen Wald nun „draußen“ studieren, also aus einer Perspektive der Zugehörigkeit und Distanz auf ihre Heimat schauen. Sie werben wie Andreas Dittlmann für mehr Weltoffenheit und Kreativität. Die Künstlerin und Autorin Anna Wheill provoziert dagegen mit ihrer Meinung, dass gerade in unserer „Abseitigkeit“ der Schlüssel zur Kreativität liege: „Armut macht kreativ.“ Monika Kraus, die in der kommunalen Sozialverwaltung und sozialen Initiativen tätig ist, sieht das anders: Wie nehmen wir die Menschen „am Rande der Gesellschaft“ mit in die Zukunft?

Insgesamt 32 Autoren und Autorinnen haben sich zu einem Beitrag für dieses Zukunftsbuch motivieren lassen. Die Ansatzpunkte und Stile sind sehr unterschiedlich, vom Science-Fiction-Tagebuch Bernhard Setzweins bis zum wissenschaftlichen Essay von Ditmar Brock. Blicken die einen mehr in die Zukunft, skizzieren darin ihre Wünsche oder auch Befürchtungen, so knüpfen viele an die Gegenwart und die Vergangenheit des Bayerischen Waldes an. Aus den Erfahrungen des erfolgreichen Unternehmers, den politischen Analysen, der Beschreibung gegenwärtiger Schwächen und Stärken der Region werden Vorschläge gemacht. Manches wird kontrovers gesehen: Soll z.B. der Bayerische Wald weiter verkehrsmäßig erschlossen und ausgebaut werden? Ist dies die Voraussetzung für wirtschaftlichen Aufschwung? Oder wird durch übertriebene Straßenbauprojekte das zerstört, was viele Einheimische und auch Touristen am Bayerischen Wald schätzen – die Ruhe, die Natur?

Oder ein anderes Beispiel: Immer wieder kristallisiert sich in den Beiträgen heraus, wie wichtig in Zukunft die Qualität der Arbeitskräfte und die Bildung der Menschen sein werden. Andererseits wird seit Jahrzehnten eine Bildungspolitik betrieben, die das Schulwesen im ländlichen Raum ausdünnt. Gewiss sind vor Jahrzehnten viele Gymnasien und Realschulen im Bayerischen Wald entstanden, aber die Volksschulen, heute die Grund- und Hauptschulen, wurden in regelrechten Zentralisierungswellen den Dörfern und Märkten weggenommen: Das begann in den 1970er Jahren mit der Schließung der kleinen Dorfschulen, als nächstes wurden den verbleibenden Grund- und Hauptschulen die 9. Klassen weggenommen, dann die 7.und 8. Klassen. Ein Jahrzehnt existierten dann noch die kleinen Grund- und Teilhauptschulen (mit 5. und 6. Klasse) auf den Dörfern. Nach der Einführung der sechsstufigen Realschule wurden nun auch diese Teilhauptschulen aufgelöst, und inzwischen ist das Überleben einst großer Hauptschulen wie z.B. in den Märkten Ruhmannsfelden und Teisnach infrage gestellt. Ist die Schülerrumfahrerei sinnvoll? Sollte nicht die Elementarbildung im Dorf bleiben? Pädagogisch kann diese Zentralisierung nicht punkten, sozial bedeutet sie für die Orte eine enorme Verarmung. Man fordert also für die Zukunft einerseits mehr Qualität und Bildung ein, lässt aber andererseits ständig pädagogisch und sozial eher negative Entwicklungen zu bzw. verstärkt sie politisch. Dass andere Lösungen im ländlichen Raum möglich sind, kann man z.B. in Österreich oder Südtirol sehen.

Gemeinsam über die Zukunft nachdenken heißt nicht, dass man hier schon zu gemeinsamen Ergebnissen kommen muss. Erst einmal sollten kontroverse Meinungen geäußert werden. Und dass man bei diesem gemeinsamen Nachdenken viel weiter ausholen muss als bei diversen Marketing-Vorhaben, zeigen einige Beiträge in diesem Buch. Es geht eben nicht nur um die Vermarktung der Region für irgendeinen Zweck, sondern zunächst um das Leben der Bewohner hier. Und diese Aufgabe können wir durchaus selbstbewusst angehen. „Wir brauchen uns nicht zu verstecken“, ruft die erfolgreiche Unternehmerin Elisabeth Hintermann in die Runde.

Als Herausgeber und Verlag wünschen wir uns, dass dieses Buch einen breiten Dialog initiiert, der sich in vielen Veranstaltungen fortsetzt, einen Dialog zwischen Politik und Bürgern. Glaubt man den Umfragen, dann haben viele in unserem Land das Vertrauen in die Politik und in die Politiker verloren. Die oft geringe Wahlbeteiligung ist ein Zeichen für diese Verdrossenheit. Dagegen gibt es nur ein Heilmittel: mehr Bürgerengagement und mehr Demokratie von Seiten der Politik zulassen. „Mehr Mitsprache“ fordert so folgerichtig der Beitrag der gebürtigen Viechtacherin Caroline Waldeck, jetzt Redenschreiberin für den Bundestag in Berlin: „Ob es gelingt, die Bürger für die Gestaltung des unvermeidlichen Strukturwandels zu mobilisieren, ist eine der entscheidenden Zukunftsfragen, und sie wird nicht in Berlin entschieden, sondern dort, wo die Menschen direkt betroffen sind: in ihrer Heimat.“

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen Lesespaß und zugleich Anregungen zum Einmischen! Vielleicht kann dieses Buch ein kleiner Anstoß sein zu einem neuen politischen und kulturellen Regionalismus, der nichts zu tun haben will mit einer dumpfen, ausgrenzenden Mir-san-mir-Haltung, sondern in sich regionale Eigenheit und Stolz der Bewohner mit einer kosmopolitischen Weltoffenheit paart. Regionalismus als Gegengewicht zur globalen Wirtschaft und Weltgesellschaft: Darf man von einem solchen sebstbewussten Waldland in der Mitte Europas träumen?
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